Ein nacherzähltes Interview mit der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Celle Frau Dorit Schleinitz (S) und Herrn Patrik Hahne (H):

1.) Definieren Sie ihren Glauben

S»Um das “kurz” zusammen zu fassen, das Judentum ist die erste monotheistische Religion, also der Glaube an einen Gott. Entstanden ist es circa vor 4.000 Jahren und es ist praktisch der Ursprung des Christentums und des Islams und deshalb auch die einzige Religion, die den Monotheismus wirklich beibehalten hat. Zum Beispiel dürfen wir keine Abbildungen von Gott haben, weshalb wir auch in unserer Synagoge niemanden an einem Kreuz aufhängen oder Bilder zeigen. Das heißt es basiert wirklich auf den Menschen und Gott.«

H»Demnach ist Jesus für uns also ein Jude aber auch nicht mehr als das. Denn Gott hat ja kein Anfang und kein Ende, ist also unteilbar und kann auch keinen Sohn haben. Daher kommt es auch, dass wir keine traditionellen Feiertage wie Himmelfahrt, Weihnachten, Ostern und so weiter haben.«

S»Die Grundlage bildet das Alte Testament, welches aus den fünf Büchern Moses besteht, die den Kern des Judentums darstellen, natürlich die Geschichte erzählen und bestimmte Regeln beinhalten. Die Tora, eine große Pergamentrolle, besteht aus diesen fünf Büchern und macht hauptsächlich die Synagoge aus, da es sonst nur ein Gebäude ist. Es geht also vielmehr um den Inhalt. Man muss auch beachten, dass das Judentum, da es circa tausend Jahre vor Jesus Christus entstand und bereits diese Regeln hatte eine unglaublich moralische Religion ist. Wir haben insgesamt 316 Gebote und Verbote, allgemein kann das Judentum also als eine Regelreligion beschrieben werden. Außerdem, die meisten Gesetze die wir haben entsprechen zu einem Drittel unseres Gesetzbuches und stellen Grundregeln, wie man miteinander umgehen soll bis heute für uns alle dar. Das bedeutet also, dass die zehn Gebote auch ursprünglich aus dem Alten Testament stammen und einfach übernommen wurden. Allerdings stellt sich jeder im Judentum seinen Glauben und die Regeln, die er alle befolgt individuell zusammen, es sei denn man ist orthodox (strenggläubig), genau wie alle Mitglieder der anderen Religionen.«

H»Es geht in erster Linie also darum was das zwischenmenschliche Leben ausmacht, es geht zwar auch darum wie man sich gegenüber Gott verhält aber der Mensch an sich ist hier der Schwerpunkt. Dies ist in den anderen Religionen anders. Wir beziehen uns auch viel mehr auf das Diesseits (natürlicher Ort, diese momentane Welt) als das Jenseits (ein übernatürlicher Ort, zum Beispiel der Himmel, das Totenreich etc.).«

S»Genau, dies ist ein großer Unterschied zum Christentum, da dieses sehr auf das Jenseits bezogen ist, also wie erreiche ich Vergebung und Gnade. Im Judentum funktioniert das nicht, man muss schon viel als Mensch tun. Dazu ist das geschriebene Wort bei uns auch so wichtig, sodass wenn man die jüdische Gemeinde betrachtet, man sowohl eine Religion als auch eine Volkszugehörigkeit entdecken kann. Man gehört dann dem jüdischen Volk an, dazu muss man nicht gläubig sein, da man jüdisch geboren wird. Demnach kann man nicht aus dem Judentum austreten und nur in manchen Fällen kann man konvertieren, trotzdem bleibt man dennoch in der Gemeinde. Ob man als Jude geboren wird entscheidet sich nämlich nach der Angehörigkeit der Mutter zum Judentum.«

H»Generell ist das Judentum also Philosophie, Ethik (Bewertung des menschlichen Handelns) und ein wichtiger Einfluss durch die Gesetze in unserem heutigen Leben.«

2.) Haben sie bereits selber antisemitische Erfahrungen gemacht?

S»Ich bin ja in Israel geboren und aufgewachsen und dort gibt es dieses Problem nicht, da ist ja die Mehrheit sowieso jüdisch. Hier ist Antisemitismus oftmals nicht ganz so spektakulär und offen wie zur NS Zeit, wie man sich das vorstellt mit Körperverletzung und Synagoge anzünden. Das passiert leider auch noch aber scheint eher weniger vorzukommen. Vielmehr die feine Form, die subtilen spitzen Bemerkungen und die unsachliche Kritik zu Israel und Palästina (Der Israel- Palästina Konflikt, oder auch Nahostkonflikt genannt, beschreibt den Streit von Israelis und Arabern um die Region Palästina. Denn, beiden Gruppen wurden dieses Gebiet damals von England versprochen. Daraus entstanden acht Kriege und der Konflikt hält bis heute an). Kritik an sich ist völlig in Ordnung aber in dem Moment wo man für Israel andere Standards setzt, als für alle anderen Länder, dann ist es nicht mehr Kritik, sondern Antisemitismus. Da wird man mit der Zeit auch sehr hellhörig für und das spürt man als sensibilisierter Jude sofort. Vielen Menschen ist das oftmals gar nicht bewusst.«

H»Wir hatten auch mal zwei Schüler bei uns, die zwar weit entfernt davon waren antisemitisch zu sein aber sie sagten mir auch, dass alle Juden so intelligent seien, weil sie so viele Bücher lesen oder, dass sie ja gut mit Geld umgehen können. Da muss man dann anmerken, dass das der antisemitische Sprachgebrauch ist aber natürlich war das nicht so gemeint. Außerdem ist es wichtig zu erwähnen, dass die meisten Antisemiten nie wirklich einem Juden begegnet sind und über sogenannte Gefühlserbschaften und die sprachliche Verbreitung so eingestellt sind. Besonders durch das anonyme Internet und Sprichwörter verstärkt sich dies schlimmer weise immer mehr.«

S»Antisemitismus hat auch keine Logik und ähnelt eher einer Verschwörungstheorie als einer Einstellung, daher ist es so schwierig diesen zu bekämpfen. Diese Menschen hören nicht auf Tatsachen oder Argumente, das ist nicht interessant für sie. Leider muss auch gesagt werden, dass der Ursprung dessen im Christentum liegt, da die Kirche diese Problematik etabliert hat. Die Spitze war dann letztendlich der Holocaust aber irgendwie hat man nicht das Gefühl, dass die Leute daraus gelernt haben. Es gibt auch einen aus Arabien stammenden Antisemitismus, der enorm ist und auch durch das Christentum angelegt ist. Dazu haben die Kolonialmächte viel beigetragen.«

3.) Wie ist es im Jahr 2020 offen jüdisch zu leben?

S»Der Alltag als Jude ist schwierig hier, allerdings nicht wegen Antisemitismus, sondern weil wir so wenige sind und wir andere Feiertage haben. Zum Beispiel der Versöhnungstag, wo das ganze Land stillsteht, das gibt es hier gar nicht. Besonders mit Kindern, die Weihnachten aufgrund der Festlichkeit feiern machen wir das dann einfach, weil man es auch nicht missen möchte. Außerdem gibt es nicht so viele Synagogen wie Kirchen, sodass man oftmals sehr weit fahren muss. Dazu kommt dann noch, dass die meisten Juden ja erst später dazu kamen, zum Beispiel aus der damaligen Sowjetunion, das heißt es gibt das deutsche Judentum eigentlich kaum, auch da dieses ja praktisch durch den Holocaust ausgerottet wurde. Die Definition eines deutschen Judentums ist daher schwierig.«

4.) Wie denken Sie wird der jüdische Glaube in Celle aufgenommen?

H»Dafür, dass viele gar nicht wissen, dass eine jüdische Gemeinde hier besteht sind wir mittlerweile sehr präsent durch das Internet und die Bildungsarbeit. Die Synagoge an sich und das damit Verbundene scheint allerdings etwas unscheinbar, heißt viele nehmen uns gar nicht wahr. Allerdings muss man sagen, dass die Stadt Celle äußerst bemüht ist und besonders die Benutzung der Synagoge, die der Stadt gehört, funktioniert sehr gut.«

5.) Was können ihre Mitmenschen im Umgang besser machen?

S»Das ist schwierig zu sagen, man hat ja immer einen bestimmten Prozentsatz an Menschen, die wirklich engagiert und informiert sind aber eigentlich möchte man ja auch die Anderen, die Mehrheit erreichen. Für die meisten ist es egal und es gibt ja auch einige, die tatsächliche Antisemiten sind und da erreicht man meistens niemanden. Unser Bestreben ist es, die Jugend und die Kinder zu informieren, denn die Erwachsenen kann man kaum mehr bewegen etwas zu verändern.«

H»Wichtig ist für uns auch, dass wenn man sich mit dem Judentum beschäftigt, dass man sich mit den Lebenden auseinandersetzt, dem lebenden Judentum. Man hört nämlich nur von dem bereits toten Judentum und das erschwert den tatsächlichen Umgang mit uns heute.«

S»Ein anderer Punkt ist das Bedürfnis danach normal zu sein. Wenn ich erwähne, dass ich aus Israel komme, dann fragen mich viele ob ich eine deutsche Jüdin sei. Das ist wie, wenn man jemanden fragt ob man deutscher Christ sei, das sagt man einfach nicht. Es wäre gut, wenn es einfach egal wäre, ob man Jude, Christ oder Moslem ist. Man ist und bleibt ein Mensch. Ich bin ein deutscher Bürger egal, ob ich auch eine israelische Staatsangehörigkeit habe und dem jüdischen Glauben angehöre.«

6.) Wird ihrer Meinung nach genug gegen Antisemitismus gemacht?

S»Es gibt tatsächlich viel Aktionismus, allerdings sind diese Gedenktage und Slogans leere Versprechungen, weil wenn man als Gemeinde eine Schleuse am Eingang einführen will, um mögliche Anschläge zu verhindern, keine unterstützenden Taten folgen. Und das Informieren über den Antisemitismus sollte natürlich bereits intensiv in der Schule anfangen.«

7.) In den vergangenen Jahren gibt es immer wieder antisemitische Vorfälle, wie kann man das verhindern?

S»Zum Beispiel dieses Projekt was ihr gerade macht ist ein super Anfang. Allerdings muss besonders in diesen anonymen Foren im Internet was gemacht werden, das ist allerdings sehr mühsam. Generell ist es ein langer schwieriger Weg zur Aufklärung und die komplette Ausrottung des Antisemitismus ist leider relativ unrealistisch.«

8.) Haben Sie Verwandte im Holocaust verloren/ Haben ihre Verwandten fliehen können?

S»Meine Eltern, die aus Berlin und Köln stammen flohen damals mit 17 im Jahr 1939 durch eine illegale Jugendgruppe nach Palästina. Wären sie hiergeblieben hätten sie es nicht geschafft. Meine Großmutter, die eine der ersten Frauen war, die in Berlin Medizin studiert hat, wurde in Auschwitz ermordet. Außer meinen Eltern und dem Bruder meines Vaters, der als Kind nach England geschickt wurde hat niemand überlebt. Aufgrund dessen, dass ich dann in Israel aufgewachsen bin hatte ich auch eine unglaublich geprägte Kindheit. Ich dachte zum Beispiel, dass wenn ich älter werde wächst mir eine Nummer auf meinem Arm, heißt wir wurden sehr früh damit konfrontiert. Man nennt uns die erste Generation in Israel, daher auch die traumatisierte Generation.«

9.) Was wünschen Sie sich für die Zukunft der jüdischen Gemeinde?

S »Wir wünschen uns mehr Mitglieder, mehr Juden. Die meisten, die kommen fahren sehr weit und sind deshalb nicht wirklich hier. Es ist schwerste Arbeit hier etwas aufzubauen und Kinder miteinzubinden ohne sie dauerhaft an den Holocaust und an die Besonderheit der Juden zu erinnern, weil sie auch nur normal sein wollen. Wir suchen einfach neue Wege damit umzugehen und mit den aussterbenden Generationen unsere Erzählungen und Werte weiter zu vermitteln.«